Als in meiner Heimat noch die Kirschen blühten …

In den letzten Tagen war ich in der Bonner Altstadt unterwegs, die in diesen Tagen das Ziel vieler Bonner und auswärtiger Besucher sein wird. Die einsetzende Blüte der Japanischen Nelkenkirsche und anderer Zierkirschsorten verwandelt die Heer- und angrenzenden Straßen in ein Blütenmeer. Ich wollte sie miterleben, Eindrücke sammeln und fotografieren.

Wer die Heerstraße besucht und die Häuser aufmerksam studiert, wird viele sehenswerte Details entdecken. Dabei kommt man auch an dem Geschäft von Viktoria Harlos, Print & Paint“, vorbei und bleibt vor den Schaufenstern stehen. Jahrelang sind die ausgestellten Bilder für mich ein Anziehungspunkt. Präsentiert sie dort in unterschiedlichen Formaten Ansichten von der jährlichen Kirschblüte. Sie engagiert sich mit einem Kirschblütenblog und -newsletter, um Interessenten auf dem Laufenden zu halten.Wir haben uns in diesen  Tage kennengelernt und ausgetauscht. Dabei ging es auch um den Fotowettbewerb, der 2017 zum neunten Male ausgeschrieben wird. Sie erzählte mir, dass sie die Überlegung hatte, die Wettbewerbsbedingungen auszuweiten. Jeder Teilnehmer sollte eine kleine Geschichte zu seinen Bildern erzählen. Die Idee begann mich zu beschäftigen.

„Warum fotografiere ich die Kirschblüte?“

Ich wuchs auf in einem der damals größten Kirschanbaugebiete Deutschlands am Mittelrhein. Süss- und Sauerkirschen boten den Menschen in unserem 3.000 Seelen-Dorf eine Einkommensmöglichkeit, wenn auch nur eine bescheidene. Wenn im Frühling die Kirschenbäume blühten, gab es ein weißes Blütenmeer, das eine Augenweide war.

Kirschenblüte in Bad Salzig | Photohaus B. Stephan

Cousins von mir fotografierten. Damals überwiegend noch in weiß und hatten auch eine eigene Schwarz-weiß-Dunkelkammer. Ich erfreute mich immer an den Schwarz-weiß-Aufnahmen der Kirschbäume, die in ihrem Haus hingen. Ich wollte es ihnen gleichtun, hatte aber als Kind noch keine Kamera.

Blütenfest
Jedes Jahr im Mai kam es in unserem Ort einen Festumzug, das „Blütenfest“. Damit feierten die Dorfbewohner die jährliche Kirschblüte. Bis 1960 gab es die Festumzüge. Danach war Schluss.
Schulkinder und Familien bastelten jährlich aus weißem, rosa und anders farbigen Krepppapier zehntausende von Blüten, mit denen die Festwagen dekoriert wurde. Jährlich gab es auch eine Blütenkönigin. Von überall her kam die Menschen, um den Festumzug zu genießen.
Meine Schwestern beteiligten sich an den Arbeiten und am Umzug. Auch ich durfte meinen Tretroller mit Blüten schmücken und an den Umzügen teilnehmen.

Kirschen ernten
Meine Mutter hat ein Grundstück geerbt, auf dem zig Sauerkirschenbäume standen. Jedes Jahr mussten wir die Kirschen ernten, die bei der Obstsammelstelle abgegeben wurde. Ich habe diese Arbeit als Kind gehasst, da es dauerte, bis ich einen Korb voll gepflückt hatte. Meine Schwestern waren da schneller. Und naschen wollte man die Kirschen nicht, dafür waren sie einfach zu sauer.
Ein Onkel, der in Ludwigshafen lebte, besaß ein größeres Stück, auf dem Süßkirschen standen. Mehrmals jährlich reiste er an, um seine Bäume zu schneiden und dann die Kirschen zu ernten. Mit großen Holzleitern ging es an die Bäume und da wo Arme und Hände nicht erreichten, wurden ein gebogener Metallstab benutzt, um die Zweige an sich heran zuziehen. Es war schon eine gefährliche Arbeit, denn wenn eine Leiter nicht richtig stand oder ein Ast brach, stürzte der Kirschenpflücker manchmal aus einer Höhe von drei und mehr Meter ab. Meist ging aber als gut.
Bei unseren Sauerkirschbäumen brauchte man keine Leiter, denn die Weichselkirsche war von niedrigem Wuchs.

Niedergang
Die benachbarte Stadt begann ein neues Baugebiet auszuweisen bzw. einen neuen Stadtteil zu gründen. Da sich viele Grundstücke auf deren Gemarkung befanden, verkauften die Bauern ihre Grundstücke, zumal die ausländische preiswertere Konkurrenz schon seit einigen Jahren den Kirschen aus dem Mittelrheintal Absatzprobleme bereiteten.



Aufbruch

Als ich heute bei einem Discounter reduzierte Obstbäume sah, wollten meine Frau und ich unbedingt eine Kirsche haben. Es handelt sich um die Sorte „Oblacinska“ und natürlich eine …
… Sauerkirsche

Mittlerweile hat man sich intensiv um die Mittelrheinkirsche und deren Wiederanbau gekümmert.

Dienstleistungszentrum Rheinland-Pfalz, Ländlicher Raum
Welterbe Oberer Mittelrhein, Mittelrheinkirschen
Fahr mal hin – Auf süßen Spuren: Im Kirschenparadies am Mittelrhein
SWR-Fernsehen: Erstausstrahlung am 15.07.2016

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