Konflikt

Protagonisten brauchen Konflikte. Äußere und innere Konflikte. Ohne Konflikte gibt es keine Geschichte und die Akteure wirken farblos. Von einer heilen Welt will niemand lesen. Der Sommer hat gerade begonnen und dieser Schmetterling sieht schon sehr lädiert aus. Seine Flügel lassen ahnen, welchen Kampf er  ausgetragen hatte oder welcher Parasit ihn befallen hat. Dennoch fliegt er von Blüte zu Blüte, um Kräfte zu sammeln. Kraft für Nachwuchs zu sorgen, das Fortbestehen seiner Art zu sichern. Sicher kann er aber nicht sein. Schon für den nächsten Vogel oder ein anderes Tier könnte er ein willkommener Leckerbissen sein. Da hilft vielleicht auch nicht die Tarnung seiner Flügel.

Die Konflikte sind da und der Schmetterling muss sich ihnen stellen. Lässt der Sommer die Pflanzen vertrocknen, gibt es keine Nahrung für ihn und Wasser gibt es – zumindest in unserer Region – noch reichlich. Es könnte aber auch sein, dass die Bäche versiegen, wenn die Trockenheit anhält.

Im Fernsehen lief vor einigen Wochen der Kinofilm “The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben”. Es ist eine Kinobiografie über den englischen Mathematiker Alan Turing. Alan Turing hat viele Konflikte und Makel. Einer davon ist seine Homosexualität. Der Film zeigt mit welcher Besessenheit Schwule und Lesben verfolgt wurden. Wegen ihres Anderssein. Anderssein, dass man in der Gesellschaft nicht wollte. Er wird verurteilt, unterzieht sich einer chemischen Kastration und stirbt mit zweiundvierzig Jahren. Erst 2013 wird er posthum begnadigt. Auch in Deutschland war Homosexualität strafbar. Der § 175 des Strafgesetzbuches, der am 1. Januar 1872 in das Reichsstrafgesetzbuch aufgenommen wurde, hatte Bestand bis zum 11. Juni 1994. 1969 und 1973 kam es zu Reformen der Strafvorschrift. Vorgesehen war eine Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder eine Geldstrafe.

Hier zeigt sich, wie eine Weltsicht zur Verfolgung von Männern und Frauen führen kann. Welchen Konflikten sie in der Familie, in der Arbeitswelt, unter Freunden, Bekannten, Nachbarn etc. ausgesetzt waren. Und es gab einen Verfolgungsdruck seitens der Polizei. “Einschlägige Lokale” standen unter Beobachtung und auch ansonsten war die sexuelle Neigung Gegenstand von Druck, z.B. bei der Gewinnung von Spionen.

Zur Zeit lese ich den Schreibratgeber “Creative Writing” von Jesse Falzoi, und das Kapital “Der Kampf der Charaktere”. Anlass für mich, mir Gedanken zum Thema “Konflikt” zu machen.

Es gibt keine Konflikte mehr!

So scheint es zumindest. Die Politik räumt Konflikte weg oder beseitigt sie. Der § 175 StGB mit seinen Reformen bis heute hin zur “Ehe für Alle” ist ein Beispiel. Greift man das Thema “Homosexualität” für eine Geschichte in heutiger Zeit auf, wird man wohl Schwierigkeiten haben, das Konfliktpotential seiner Protagonisten zu entwickeln. Anders dürfte es sein, wenn man die Geschichte in einer anderen Zeit spielen lässt. Wobei auch das in einigen Jahren möglicherweise Erstaunen hervorrufen dürfte.